Erzwungener Kurzurlaub

Amman (Jordanien), 17. Oktober 1996

Einen Pack Österreicher auf nüchternen Magen - das hält selbst der hart gesottenste Globetrotter nicht aus. Doch wie durch ein Wunder habe ich überlebt und sitze nun hier am Stadtrand von Amman im Gamada-Park und schreibe nach einem ausgiebigen Frühstück - seit Wochen wieder ‘mal im Freien - Tagebuch, was auch dringend nötig ist. Der letzte Eintrag stammt noch vom Strand in Anamur, neben der alten Burg. Den musste ich noch mit der Hand schreiben, inzwischen versieht der Rechner seinen Dienst wieder und das Tagebuchschreiben wird wieder zur Freude, wie es sein sollte.

Kaum habe ich den dortigen Tagebucheintrag fertig und die rechte Hand tut weh vom ungewohnten Schreiben, als auch schon mein Tischnachbar von gestern Abend ankommt, dem ich versprochen habe, ihn über Solarenergie aufzuklären. Wenn er sich nicht, wie vorgesehen, einen knatternden, stinkenden Kleingenerator kauft, sondern seinen hohen Stromverbrauch mit Solarpanelen deckt, dann hat sich mein Engagement schon gelohnt. Am Schluss unserer fast zweistündigen Unterhaltung ist er von Solar ganz begeistert. Zum Dank verrät er mir einen Superplatz, ein paar Kilometer weiter, wo man ganz allein sein kann.

Das ist das, was ich jetzt gerade suche. Keine habe Stunde später wühle ich mich den halben Kilometer am Strand zurück zur Straße und rolle 120 Kilometer ostwärts zu einer Bucht kurz vor Silifke, die wirklich ganz malerisch zwischen zwei hoch aufragenden Bergstöcken liegt. Der Andrang ist tatsächlich nicht groß, neben dem freundlichen Bauern, der kurz vorbeischaut, um Hallo zu sagen, lässt sich eine türkische Familie ihr Picknick schmecken, sucht aber bald nach Sonnenuntergang das Weite. Nun bin ich mutterseelenallein, genieße die Freiheit bei einem Glas kühlem Rotwein am knisternden Lagerfeuer sitzend.

Leider ist der Strand alles andere als schön: dicke unförmige Betonbrocken, alte Ziegel eine verlassenen Hauses und unzählige Plastiktüten zieren den kiesigen Strand. Zu mehr als einem kurzen, erfrischenden Bad kann mich das nicht verleiten. Und zu ein paar Tagen Pause, die ich dringend nötig hätte, schon gar nicht!

Also klettere ich am nächsten Morgen wieder zurück zur Hauptstraße, der N400, die mich weiter nach Osten in das Industriedreieck Mersin - Adana - Iskenderun bringt. Die Straßen sind von stinkenden, langsamen Lkws verstopft, über der Küstenebene liegt ein kaum durchschaubarer Smog und ich bin froh, so schnell wie möglich wieder die luftigen Höhen des Taurus-Gebirges zu erklimmen. Das geht sogar besser als erwartet, nachdem ich die neue Autobahn von Tarsus hinauf nach Pozanti gefunden habe. In gleichmäßiger Steigung und mit viel Platz zum Überholen der im Schritttempo hinaufkriechenden Lkws umfährt die breite Straße die geschichtsträchtige Kilikische Pforte, die schon Alexander der Große und die Kreuzritter auf ihrem Weg ins Heilige Land durchquert haben. Der Floh schlägt sich tapfer - sollte ich ihn etwas in "Bergziege" umtaufen?

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreiche ich einen netten Nachtplatz, oberhalb Pozanti, sehe die Lichterketten unten im Tal entlang ziehen und viel zu oft durchdringt das markerschütternde Gebrüll einer LKW-Hupe die herrliche Stille. Mit Yasar Solmaz, dem Schafhirten, auf dessen Weide ich stehe, wechsle ich noch ein paar flüchtige Worte – auch er spricht drei Brocken Deutsch - ehe ich die Frische der Nacht hier oben auf fast 1000 Metern genieße und bald tief und fest schlafe.

Die Wolken, die sich abends noch hinter dem Berg versteckten, kriechen nachts herüber und wollen den ganzen nächsten Tag nicht aufreißen. Wieder einmal nähere ich mich einer der Attraktionen meiner Reise - und wieder habe ich schlechtes Wetter. Es ist wie verhext!

150 Kilometern weiter tut sich ganz unvermittelt die Tuffsteinlandschaft Kappadokiens vor mir auf. Erste Station ist Derikuyu, wo zwar die Landschaft noch nicht so spektakulär ist, wo frühere Bewohner aber unterirdische Städte anlegten, die bis zu sechs Stockwerken nach unten reichen. Ihre Höhlen haben sie mit einfachen Werkzeugen aus dem weichen Tuffstein - Ablagerungen des Erciyes Dagi Vulkans - geschabt und damit ein faszinierendes Labyrinth verschachtelter Wohnungen, Küchen und Vorratskammern geschaffen. Dank blauer und roter Pfeile findet man aus diesem Labyrinth auch wieder heraus und landet fast unweigerlich in der unterirdischen Bar, wo man auf farbenfrohen Kissen sitzend und auf dicken Teppichen ruhend seinen Tee schlürfen oder die Wasserpfeife rauchen kann.

Danach geht’s weiter durch lang gestreckte Hügel und unvermittelt stehe ich am Taleingang. Vor mir liegt das malerische Tal von Göreme, bizarre Tuffsteinkegel ragen aus dem grünen Talgrund auf und geben dem ganzen ein unwirkliches Aussehen. Mit ein paar Stops rolle ich weiter die Straße in den Talgrund hinunter, doch das diffuse Licht der Sonne, die sich hinter den Wolken versteckt, geben keine ideale Beleuchtung ab. Auch als ich später zu Fuß Talgrund und Tuffsteinkegel erkunde, ergibt sich kaum eine Gelegenheit für ein stimmungsvolles Foto. So suche ich mir einen passablen Platz, diesmal auf dem Camping von Göreme und hoffe auf besseres Wetter. Derweil checke ich den Sandfloh wieder durch und genieße eine wohl tuende Dusche und ein zwar kaltes, aber umso erfrischenderes Bad im Swimmingpool. Ein ungeahnter Luxus für die paar Tausend Türkischen Dinare, auf die ich den Wärter herunterhandeln kann.

Ein sternklarer Nachthimmel lässt auf besseres Wetter schließen und noch vor Sonnenaufgang bin ich wieder unterwegs, um die langen Schatten der Tuffsteinkegel auf Zelluloid zu bannen. Das ist gleich viel beeindruckender als das triste Grau in Grau von gestern. In Windeseile klappere ich die Punkte ab, die ich mir gestern gemerkt habe und rolle gleich noch weiter ins nächste Tal, wo ich auch in den Kegeln herumturnen und eine gute Aussicht genießen kann. Im Museum am Ende des Tals aber wollen die Türken zwanzig Mark Eintritt haben, was mir entschieden zu teuer ist. Zumal ich knapp bei Kasse bin. Und meine letzten Türkischen Lira lege ich lieber in 4 Flaschen Rotwein an, der gleich nebenan angebaut wird und herrlich schmeckt. So kann ich nun wieder ‘was gegen meine Verkalkung und gegen Herzinfarkt unternehmen. Doch ich bin sicher, dass mir das bei meinem derzeitigen Lebenswandel noch nicht so bald blüht. Aber "es ist nie zu früh und selten zu spät ... "

Voll der recht touristischen Eindrücke der letzten Tage will ich noch ein paar Dinge erkunden, die nicht jeder gesehen hat – zurück zu meiner Reisedevise: off the beaten track! Von Ürgüp geht’s ein schmales, landschaftlich faszinierendes Tal entlang, vorbei an einem unerwarteten Stausee, bis nach einem Pass ein noch schmäleres Sträßchen abzweigt. Am Ziel leben die Bewohner noch immer in den Tuffsteinhöhlen, die sich an der senkrechten Felswand aneinanderschmiegen. Die Attraktion dort sind aber ein halbes Dutzend kleiner, frühchristlicher Kirchen, die sich in zwei malerischen Seitentälern verstecken. Von außen völlig unscheinbar und nur ein kleines unscheinbares Loch im Gestein, tun sich im Innern wahre Meisterwerke auf: Gewölbe, kunstvoll in den weichen Stein gekratzt, Altäre und Kanzeln, daneben Sarkopharge der ersten hier lebenden Christen. Und die schönsten Kirchen tragen heute noch die ursprünglichen Fresken: Decken- und Wandmalereien, die die Jahrtausende prima überstanden haben. Gemalt wurden sie mit Naturfarben auf Eiweißbasis, teils direkt auf den Stein, teils auf eine glattere und nicht so stark saugende Zwischenschicht. Zu sehen sind Szenen aus der frühen Christenzeit, Szenen aus dem alten Testament, auffallend noch keine Kreuzesszenen oder die bei uns so beliebten Stationen Jesu mit dem Kreuz.

Eigentlich will ich gar nicht weg aus diesen herrlichen Tal, das nicht nur Jahrtausende alte Kultur, sondern auch landschaftliche Schönheit zu bieten hat. Doch auch die nächste Etappe wird ein weiterer Leckerbissen: Von Develi rolle ich eine Nebenstraße weiter nach Südosten. Erst ist sie gut geteert, wird aber bald zu einer gut zu fahrenden, einsamen Piste, die sich über den Höhenrücken des Gezbeli schlängelt. Immer wieder rolle ich durch malerische, kleine Dörfer, die Menschen winken mir zu (wann haben sie das zum letzte Mal getan?), die Dorfköter bellen und die Landschaft ist bizarr und fast menschenleer. Erst am Südostabhang, dort wo sich noch ein paar Regenwolken fangen können, wird es etwas grüner. Lichte, neu angelegte Pinienwälder ziehen sich an Abhang dahin und in ihrer Mitte finde ich einen wundervollen Nachtplatz, den schönsten seit mindestens zwei Monaten. Kilometerweit schweifen die Augen über ein weites grünes Tal, hinter mir grüßt der Vulkankegel des Bakir Dagi (2701 m) und die Stille hier oben ist berauschend. Wieder einmal bade ich in der Stille, kein Summen von Moskitos, kein Schwirren von Fliegen und kein Gezirpe der Vögel stört die heilige Ruhe. Nur zweimal an diesem Abend stört fernes Summen eines knatternden Mopeds die Idylle.

Auch hier fällt es mir schwer, am andern Morgen nach einem ausgiebigen Frühstück im Freien, diesen herrlichen Platz wieder zu verlassen - doch mein nächstes, nicht weniger interessantes Ziel ruft: der Nemrut Dagi.

Vorher geht es aber mehr als 400 Kilometer Richtung Osten, die Landschaft ist nicht gerade umwerfend, dauernd geht es bergauf, bergab und erst weit hinter Adiyaman grüßt von Ferne der sagenumwobene Mt. Nemrud. Doch der Weg zu seinem Gipfel ist steil und steinig: Innerhalb von 30 Kilometern geht’s über 2000 m aufwärts, die Straße ist holprig und schmal und mehr als einmal klettert die Kühlertemperatur über 100 Grad. Kurz vor Sonnenuntergang ist’s dann doch geschafft, eine kleine Hütte lädt zum Tee und zum Verweilen ein. Doch der Wirt ist unfreundlich, fragt zuerst nach Geld und spricht wenig Englisch. Daneben plärrt überlaute arabische Musik aus dem Radio eines wartenden Taxis. Nicht gerade ein Platz, an dem ich länger bleiben will. Also suche ich mir 500 m unterhalb einen halbwegs ebenen Standplatz. Gar keine leichte Aufgabe mitten im Gebirge. Als die Sonne feuerrot hinterm Horizont versinkt, habe ich einen der besten Aussichtsplätze weit und breit. Dazu herrscht Vollmond, ein Schauspiel, das man zu Hause selten in dieser Deutlichkeit geboten bekommt.

An viel Schlaf ist diese Nacht allerdings nicht zu denken. Schon gegen zwei Uhr früh keucht eine ganze Karawane von Pkws herauf, gefolgt von Minibussen und Jeeps der Armee. Gegen fünf Uhr stiefele dann auch ich los, stolpere in der Dunkelheit den Weg zum Gipfel aufwärts, dränge mich zwischen Hunderten von Menschen nach oben. Was wollen die nur alle hier? Dazwischen Fernsehkameras mit blendenden Scheinwerfern, Soldaten, die müde den steilen Weg hinaufzockeln und nach jedem Schritt Atem holen müssen.

An der Attraktion des Mt. Nemrud dann dichtes Gedränge: Hunderte von Menschen, offenbar Minister aus Ankara mit ihrem Gefolge. Von dem Grabmal König Nemruts, der sich in diesen luftigen Höhen hat begraben lassen, und von den Köpfen der pittoresken Statuen ist kaum etwas zu sehen. Also krabble ich noch die paar Meter zum richtigen Gipfel hinauf (was offiziell verboten ist) und erlebe den Sonnenaufgang von dort oben mit unverbauter Fernsicht auf die Sonne und die umliegenden niedrigeren Berge. Doch ein unvergessliches Spektakel wie damals am Assekrem im Hoggar Gebirge ist’s nicht - dazu sind die umliegenden Berge zu wenig imposant. Kaum ist dieses Schauspiel vorbei, trollen sich der Herr Minister mitsamt Gefolgschaft auch schon und ich nutze das Licht der noch immer tief stehenden Sonne für meine eigenen Fotos der "geköpften" Statuen und der danebenliegenden imposanten Köpfe. Alles aus griechischer Zeit, doch was genau es mit den Statuen und dem Grab auf dem Gipfel auf sich hat, weiß man nicht so recht. Doch imposant sind sie zweifelsohne, noch dazu bei dieser Beleuchtung.

Etwas Ähnliches findet sich dann noch einmal auf der Westseite des Berges, doch für Fotos stimmt dazu das Licht nicht. Also abends noch einmal wiederkommen und den Tag zur Lektüre und zum Faulenzen nutzen. Rechtzeitig zum Sonnenuntergang dann wieder hinaufstiefeln und das Lichtspiel der roten Sonne auf den westlichen Statuen auf Zelluloid bannen. Gerade rechtzeitig vor dem nächsten Schwung Touristen, doch heute sind’s nur fünf junge Leute.

Nach diesem Faulenzertag ist wieder Arbeit angesagt: zuerst einmal die holprige Piste wieder ins Tal kriechen, dann noch 350 Kilometer weiter Richtung Süden und über die türkisch-syrische Grenze. Das geht allerdings recht problemlos, nur die Syrer wollen 60 US$ für Versicherung und extra 114 US$ an Dieselsteuer haben. Das ist unerwartet teuer und um ein Haar hätte ich deswegen kehrtgemacht. Doch Alternativen gibt es nicht und murrend muss ich bezahlen. Doch die Menschen sind freundlich, selbst die Grenzer sprechen ein paar Brocken Englisch. "Welcome to Syria".

Gleich hinter der Grenze suche ich mir einen Nachtplatz, denn Aleppo, die erste Stadt in Syrien will ich nicht bei einbrechender Dunkelheit durchqueren.

Crac de Chevalier - Qualat-al-Hosn, diese berühmte und gut erhaltenen Kreuzritterburg ist meine erste Station in Syrien. 50 km westlich von Homs beherrscht sie den einzigen Einschnitt im Küstengebirge auf 400 Kilometern Länge. Von den Kreuzrittern begonnen, von den Arabern zweimal zerstört und wieder aufgebaut und erweitert, bietet sie heute ein Sammelsurium an Baustielen. Neben der christlichen Kirche reihen sich arabische Bäder und der Turm der Prinzessin, Räume für Kamele und Pferde reihen sich an Gewölbe, in denen 4000 Ritter mit all ihrem Gefolge Platz finden konnten. Interessant, aber allein wohl keine Reise nach Syrien wert?

Ganz anders Palmyra. Weitab jeglichen Durchgangsverkehrs, 160 km östlich von Homs total versteckt in der Wüste gelegen, übertrifft es die bekannten griechischen Stätten in der Türkei um ein Vielfaches. "Die Stadt der 1000 Säulen" wird Palmyra nicht umsonst genannt. Tatsächlich reiht sich in der zentralen Allee eine Säule an die andere. Auch die anderen Bauwerke - allen voran der mächtige Bel-Tempel und die imposante Agora - zeugen davon, dass Palmyra vor 2000 Jahren eine monumentale Stadt gewesen sein muss. Deren Herrscherin, Zenobia, die sich als Nachfolgerin Cleopatras rühmte, bot sogar eine Zeit lang Rom Paroli, bis sie 270 n.Chr. von Aurelian vernichtend geschlagen wurde. Später fiel Palmyra an die Araber und wurde schließlich 1089 durch ein Erdbeben völlig zerstört.

Heute bieten die wieder aufgerichteten Säulen und Bögen ein Spektakel, das besonders bei Sonnenaufgang, wenn sich noch keine Touristen in den Straßen tummeln, sehenswert ist. Oder abends, wenn die feuerrote Sonne alles in ein schauriges Licht taucht, bevor sie hinterm Horizont verschwindet. Einen prächtigen Überblick über die Altstadt, die Oase und die Neustadt bietet das arabische Fort oben auf dem westlichen Berg, das allein schon sehr sehenswert ist. Alles in Allem ist Palmyra wohl die beeindruckendste Stätte in Syrien und mit Abstand eines der markantesten highlights meiner Reise.

Mehr als je zuvor macht mir allerdings in letzter Zeit der Sandfloh Kopfzerbrechen. Seit Tagen wird das pfeifende Geräusch von Tag zu Tag lauter. Inzwischen weiß ich auch, dass es vom Auspuffkrümmer herkommt, der einen Riss hat und dessen hinterer Flansch fast abgebrochen ist. Mit jeder Bodenwelle wird der Riss ein bisschen länger und das Pfeifen immer mehr zum Röhren. Doch ein paar Hundert Kilometer wird er wohl noch halten. Wenigstens bis Amman, von wo aus ich anlässlich Mutters Geburtstag eh heimfliegen will. Das ist seit Wochen abgemachte Sache. Doch dazu muss ich erst nach Jordanien kommen, wo der Sandfloh hoffentlich nicht in den Pass eingetragen wird. Sonst kann ich ja ohne eine Sondergenehmigung des Zolls nicht ausreisen.

Von einem inneren Instinkt getrieben, rolle ich deshalb ohne anzuhalten quer durch Damaskus und stehe viel früher als vorgesehen an der Grenze zu Jordanien. Hätte ich das besser geplant, wären mir viele Dollar für Versicherung (abgeschlossen für 4 Wochen) und Dieselsteuer erspart geblieben. Die Jordanier sind nicht so hinter Devisen her, obwohl die obligate Versicherung 22,500 JD, umgerechnet ca. 50 DM für vier Wochen kostet. Aber mein Pass bleibt clean – kein Eintrag, dass man ein Fahrzeug eingeführt hat - und einer Heimreise steht so nichts mehr im Wege.

Also gleich zum Flughafen von Amman, um Ticket und Heimflug zu organisieren. In der Wartezeit kann ich mir dann die Stadt und ein paar der anderen Sehenswürdigkeiten anschauen. Der Flug ist recht teuer, umgerechnet 1200.-, aber ich will ohne viel Umsteigen und Warterei direkt nach Frankfurt fliegen und da geht nur die Royal Jordanien. Und während ich noch einen passablen Platz suche, um Flüge und Preise zu checken, holpert es wieder einmal und von nun an röhrt der Sandfloh wie ein alter Trecker. Gebe ich etwas Gas, ist es im Fahrerhaus nicht mehr auszuhalten: ich beschließe, so schnell wie möglich heimzufliegen. In München kann ich den Auspuffkrümmer besorgen, der nun völlig gebrochen ist und den ich hier wohl nur mit viel Lauferei bzw. Fahrerei organisieren könnte.

Nach einer unruhigen Nacht am Flughafenhotel - wenigstens etwas Grün vor der Haustür - besorge ich morgens das Ticket für den kommenden Tag, fahre mit dem Bus in die City, um eventuelle postlagernde Briefe noch abzuholen und packe am späten Nachmittag meinen Rucksack für den Heimflug. Früh um Sieben stehe ich pünktlich am Abfertigungsschalter, um 9:30 Uhr geht der Flug, um 14:54 h steige ich in den Zug nach München und gegen halb neun abends stehe ich vor der Haustür, die mein völlig verdutzter Vater öffnet.

Das Wochenende und die kommende Woche sind voll gepfropft mit Besorgungen, doch alles geht wie geschmiert und sogar den Rechner, den ich zur Reparatur gegeben hatte, wird wider Erwarten termingerecht fertig. So kann ich mit Mutti in Ruhe ihren 75. Geburtstag feiern, abends griechisch Essen gehen und erneut meinen Rucksack packen, um in Jordanien die Weiterreise anzutreten.

Ziemliches Muffesausen plagt mich dann auf dem Rückflug nach Amman. Das Herz schlägt mir bis zum Hals, wenn ich an meinen Floh denke. Steht er noch an Ort und Stelle? Ist vielleicht in der Zwischenzeit eingebrochen worden? Was mache ich mit dem Carnet, wenn er gestohlen ist? Fragen, auf die ich keine beruhigende Antworten weiß.

Nachdem ich nach der Landung verspätet doch noch meinen Rucksack mit dem wichtigen Ersatzteil finde und unkontrolliert durch den Zoll marschiere, keimt Hoffnung auf: auf dem Parkplatz gegenüber steht der Sandfloh, wohlbehalten, wie ich ihn verlassen habe, nur eine dicke Staubschicht ziert ihn nun. Alle Fenster sind heile und sogar die ungesicherten Schaufeln sind noch an Ort und Stelle. Das Erdbeben von dem Stein, der mir vom Herzen fällt, erreicht mindestens Stärke sechs auf der Richterskala. Doch der Kopf brummt von der schlechten Luft im Flieger und ich verschiebe alle weiteren Aktionen auf morgen.

Da ist im Nu der neue Auspuffkrümmer eingebaut und die kleineren Arbeiten erledigt, die sich angesammelt hatten. Die beiden schweren Rucksäcke sind ausgepackt und all die Kleinteile sind wieder verstaut: schon am frühen Nachmittag bin ich wieder reiseklar.

Erst ‘mal keine große Etappe! Erst mal Probefahrt und die Sache langsam angehen. Nach einem kurzen Abstecher per Bus in die City (noch 2 Briefe von Eltern und S. erhalten) lange ich mit dem Sandfloh im Gamada-Park, 20 Kilometer südlich von Amman, wo ich eine ruhige Nacht in einem lichten Pinienwäldchen verbringe. Wirklich nett hier.

Dann geht’s ans "Abklappern" der Sehenswürdigkeiten Jordaniens. Zuerst ist Jerash an der Reihe, das ich schon von meiner letzten Reise hierher kenne. Doch es hat sich mächtig verändert: viel ist seither wieder aufgebaut worden, leider recht modern und wenig historisch. Doch auch so erhält man einen guten Eindruck davon, wie diese Stadt vor 2000 Jahren ausgesehen haben muss.

Schon um 6 Uhr stiefele ich durch die Ruinen von Jerash und nutze das milde Licht der aufgehenden Sonne für ein paar hoffentlich gelungene Fotos. Ein weiters Plus um diese Tageszeit ist der noch schlafende Wächter, der keinen Eintritt verlangt, der später dann zwei Jordanische Dinar (JD) (umgerechnet 5 DM) kosten wird. Nach dem wirklich imposanten Palmyra ist Jerash allerdings nur eine weitere Ruinenstadt der Griechen und Römer. Recht sehenswert, aber doch nicht wirklich faszinierend. Bin ich schon wieder übersättigt mit Sehenswertem, dass ich das Einzelne gar nicht mehr zu würdigen weiß?

Der Sandfloh läuft nun wieder ganz prima und guten Mutes rolle ich auf ein paar Umwegen Richtung Osten, seit langer Zeit wieder einmal durch richtige Wüste, hinter nach Al-Azraq und zum Quasr-al-Amra.

Barbusige Mädchen, leicht geschürzte Tänzerinnen, ein Paar in inniger Umarmung. Alles hätte ich in einem moslemischen Schloss erwartet, nur das nicht. Offenbar war der Kalif, der sich dieses Lust- und Jagdschlösschen um 800 n.Chr. bauen ließ, in jeder Hinsicht ein Gourmet gewesen. Nicht nur das Äußere des Schlösschens bezaubert (wenn auch nur am frühen Morgen) mit seinen Rundungen, Erkern und Kuppeln, die Malereien in seinem Innern zeigen die oben beschriebenen Szenen, daneben Bilder über den Bau des Schlosses und Szenen von der Jagd, der der Herr Kalif von hier aus frönte. Gipfel des unerwarteten Luxus aber sind die Sauna und das Warmbad, das sich an das Schlafzimmer der Konkubinen anschließt. Um genügend Dampf zu machen, wurden die Bäume bis in weite Entfernung um das Schloss gefällt und in einem niederen Kellergeschoss unterhalb eines kleinen Schwimmbads verheizt. Kein Wunder, dass das Schloss nun mitten in der kargen, baumlosen Wüste steht!

Vorbei am Quasr-al-Hammam (wo ich die oben erwähnten Österreicher treffe, die mir nur dumme Fragen stellen) geht’s heute - noch vor dem Frühstück – wieder zurück nach Amman und hierher auf den geliebten Platz im Gamada-Park, wo ich mir ein köstliches Frühstück mit Eiern, Marmelade und den leckeren arabischen Brotfladen schmecken lasse, um endlich ‘mal wieder mein Tagebuch mit dem Rechner zu schreiben.